Belgiens Geschichte im Visier

Mehr als 30 geschichtsbewusste Besucherinnen und Besucher folgten der Einladung der Monheimer Europa-Union, des BAB und der VHS Monheim zum Referat von Dr. Carl Lejeune, der im Rahmen der „Monheimer Europawoche – Belgien“ über das Thema “Belgien – der unbekannte Nachbar von Nebenan“ sprach.

Der Referent, 52 Jahre alt, wohnhaft im deutschsprachigen Teil Belgiens, hat Geschichte in Köln und Bonn studiert, anschließend in Trier promoviert und leitet das Zentrum für Regionalgeschichte in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

Lejeune nahm das Publikum bei seinem Vortrag mit, befragte es zunächst über seinen Kenntnisstand Belgiens und zeichnete danach ein Bild der Entwicklung Belgiens seit 1914. Im ersten Weltkrieg wurde das neutrale Belgien vom Deutschen Kaiserreich und Frankreich als Durchgangsland einbezogen und von der kaiserlichen deutschen Armee fast gänzlich eingenommen. Ein traumatisches Erlebnis für die Belgier, die sich auch im zweiten Weltkrieg als Opfer empfanden, mit unterschiedlichen Wahrnehmungen in den Regionen Wallonien, Flandern und Euren-Malmedy. Nach dem Krieg standen zunächst die deutschsprachigen Bewohner in Ostbelgien unter Generalverdacht der Kollaboration – erst Mitte der 50er Jahre normalisierte sich die Lage.

Bis 1960 war Belgien noch ein Zentralstaat analog zu Frankreich. Danach wurde aufgrund des anhaltenden flämisch-wallonischen Konfliktes versucht, diesem Problem durch eine Dezentralisierung der Staatsorganisation zu begegnen.

Heute besitzt das Königreich Belgien die Staatsform einer parlamentarischen Monarchie. Gemäß Verfassung von 1993 ist Belgien ein Bundesstaat, bestehend aus drei Gemeinschaften (die Flämische, Französische und Deutschsprachige Gemeinschaft) und drei Regionen (Flandern, Wallonien und Brüssel-Hauptstadt).

Dabei ist die Deutsche Gemeinschaft in Belgien mit rd. 76.200 Einwohnern die kleinste der drei politischen Gemeinschaften in Belgien, jedoch mit eigener Regierung und eigenem Parlament. Zwar ist der Föderalstaat in ganz Belgien zuständig, jedoch nicht in allen Angelegenheiten. Für die gemeinschaftlichen bzw. regionalen Angelegenheiten sind ausschließlich die Gemeinschaften bzw. die Regionen auf ihrem Hoheitsgebiet zuständig.

Die deutschsprachigen Belgier, die im östlichen Teil Belgiens – nahe der deutschen Grenze – leben, verfügen als Minderheit über ein eigenes Parlament, eine eigene Regierung und umfangreiche Autonomierechte. Trotz der Unterschiede in den Regionen und Sprachen wurden bisher alle Änderungen des belgischen Grundgesetzes von alle Sprachgemeinschaften getragen.

Belgien gehört zu den Gründerstaaten der EU und spielt seither eine wichtige Rolle im europäischen Einigungsprozess. Das Land bzw. die belgische Hauptstadt Brüssel wurde Sitz internationaler Organisationen wie der NATO und der Europäischen Union.

Manfred Klein, Chef der örtlichen Europa-Union und Organisator und Moderator dieser Veranstaltung freute sich über die lebhafte Diskussion im Anschluss an das Referat. „Die Veranstaltung zeigt, wie wichtig es für uns ist, unterschiedliche geschichtliche und kulturelle Entwicklungen unserer europäischen Nachbarländer zu kennen, damit wir europäische Vielfalt und Gemeinsamkeiten verstehen“.